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Inke Grauenhorst,

„Starke Jungs?!“

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Starke Jungs

Hilfe für traumatisierte Kinder

Projekt „Starke Jungs“

der TU Dortmund, Lehrgebiet für Bewegungserziehung und Bewegungstherapie in Rehabilitation und Pädagogik bei Menschen mit Behinderungen, Prof. Dr. Gerd Hölter und dem Bewegungsambulatorium, Dr. Stefanie Kuhlenkamp

Hilflosigkeit, Ohnmacht und Schwäche sind Gefühle, die durch Gewaltanwendung bei Kindern ausgelöst werden. Gerade misshandelte und missbrauchte Jungen kompensieren das Erlebte oft durch eigene Gewaltanwendung – werden also vom Opfer zum Täter. Genau diesen Teufelskreis will das Projekt »Starke Jungs?!« am Bewegungsambulatorium der TU Dortmund durchbrechen: Durch Sport und Bewegung sollen die Jungen zu neuem Selbstbewusstsein finden. Zum Abschluss des von der Aktion Mensch geförderten Projekts entsteht jetzt ein Film.
In dem Dokumentarfilm werden die Möglichkeiten und Grenzen einer körper- und bewegungsorientierten Arbeit mit traumatisierten Jungen aufgezeigt. Das geschieht sowohl durch Ausschnitte aus der Arbeit mit den Kindern als auch durch Experten-Interviews. Ermöglicht wird der Film mit Mitteln der Heidehof Stiftung und durch eine Spende der Volksbank Dortmund in Höhe von 500 Euro.

Der Ansatz von »Starke Jungs?!«, gerade traumatisierten Jungen zu helfen, ist aufgrund konkreter Nachfragen aus dem Bereich der Psychiatrie und Heimbetreuung entstanden. Denn bisher gab es weder ein ähnliches Projekt in der Praxis, noch ist das Thema in der Forschung ausreichend behandelt worden. Neben dem Aspekt der Körpererfahrung sind auch das Erleben in der Gruppe und die Achtung gegenüber anderen, sowie Erfahrungen in und mit der Natur wichtige Säulen von »Starke Jungs?!«.
Insgesamt haben von 2005 bis 2007 38 Jungen an dem Projekt teilgenommen. Ergebnisse, die sich aus der kontinuierlichen, wissenschaftlichen Begleitung mehrerer Jungen ergeben haben, werden derzeit noch im Einzelnen ausgewertet. Sichtbar ist jedoch bereits, dass sich hinsichtlich des Beziehungsverhaltens und des Selbstwertes der Jungen signifikante Veränderungen ergeben haben, während positive körperbezogene Veränderungen einen längeren Zeitraum brauchen.


Vortrag von Prof. Gerd Hölter am 14.Mai 2010 auf dem Römerberg:

"Starke Jungs", ein bewegungs- und psychotherapeutisches Gruppenprojekt mit missbrauchten Jungen im Alter von 6-12 Jahren

Rita Weber

 

Als brandaktuell erwies sich Gerd Hölters Vortrag "Starke Jungs". Das Thema des sexuellen Missbrauchs, z.B. in katholischen Jugeneninternaten, war täglich in den Medien und rüttelte die Gemüter auf. Gerd Hölter leitete seinen Vortrag mit dem Bezug zur aktuellen Diskussion ein. Auch die besondere Beachtung des Körpers und der therapeutische Umgang mit ihm un der Bewegung hatte für viele, aus unserer doch manchmal recht sprach- und kopflastigen Sicht, eine starke Anziehungskraft. so machte es auch nichts, dass der Freitag ein Brückentag war, der Raum war voll.

Gerd Hölter, der vielen bekannt ist, weil er an unserem Insitut die Weiterbildung zum Kinderanalytiker machte, ist Professor an der Technischen Universität Dortmund und der dortigen Fakultät Rehabilitationswissenschaften. Dort hat er seit 1993 einen Lehrstuhl für Bewegungserziehung und Bewegungstherapie inne. Vorher war er Professor an der Philipps-Universität Marburg. In zahlreichen Publikationen zur Bewegungs- und Motottherapie bei Kindern und Erwachsenen hat er seinen Forschungen dargestellt. Seinen ersten Kontakt zur Psychoanalyse hatte er bei einem Forschungsjahr Anfang der 80er Jahre in den USA, u.A. mit Rudolf Eckstein und anderen aus Europa emigrierten jüdischen Psychoanalytikern. Ihn faszinierten ihre Gedanken und Darstellungen der Psychoanalyse. Später lernte er auch Elaine Siegel kennen, Psychoanalytikerin und Tanztherapeutin, die er mehrfach nach Marburg einlud und die u.a. 1995 einen Gastvortrag über Tanz und Psychoanalyse an unserem Institut hielt.

Das Forschungsprojekt, das Gerd Hölter an diesem Abend vorstellte, wurde in dem, seit 16 Jahren bestehenden, Bewegungsambulatorium der TU dortmund durchgeführt. Gerd Hölter ist Leiter eines universitären Zentrums für Beratung und Therapie, das sich neben der Sprachtherapie und -förderung auch mit der psychomotorischen Entwicklungsförderung und ihrer Evaluation beschäftigt. Die Arbeitsweise knüpft an die Spiel-, und Bewegungs- und Experimentierlust von Kindern an und fördert, orientiert am Prinzip der Ermutigung, die Ressourcen dieser Kinder. Dort entstand auch das u.a. von aktion Mensch geförderte Projekt "Starke Jungs", an dem zwischen 2005 und 2007 insgesamt 38 traumatisierte Jungen teilgenommen haben.

In seinem Vortrag griff Gerd Hölter zunächst de aktuelle Missbrauchsdiskussion auf, in dem er gerade in der "Zeit" besprochenes und ins Deutsche übersetzte Buch von Oliver Ka vorstellte: "Warum ich Pater Pierre getötet habe." Das Comic-Buch handelt von der späten Rache eines 35jährigen Mannes, der mit 12 Jahren von Pater Pierre sexuell missbraucht worden war. Es ist der Versuch des Autors, seine eigene Missbrauchserfahrung zu verarbeiten. Erfahrungen mit traumatisierten Menschen bestätigen, dass manche von ihnen viele Jahre brauchen, bis eine traumatische Erfahrung aus der Amnesie auftaucht.

Jungen, die Opfer von Gewalt werden, sind sowohl körperlich wie seelisch verletzt, sie fühlen sich schutzlos, ohnmächtig und schwach. Diese Gefühle stehen diametral der von ihnen erwarteten Rolle entgegen, nämlich starke Jungen sein zu wollen und zu sollen. Nicht selten kommt es deswegen als Reaktion auf Missbrauchserfahrungen einerseits zu einer überbetonten Männlichkeit, in der aggressive Verhaltensweisen als Beweis dafür herhalten müssen, eine'richtiger' Junge (sog. 'Täterintrojekt') zu sein, oder andererseits zu einem Verharren in der Opferrolle, bzw. in einem Wechseln zwischen beiden Positionen. Diese Jungen haben keine guten inneren Bilder für einen harmonischen körperlichen Kontakt zu anderen.

Zielsetzung des Projekts "Starke Jungs" war es, im Sinne einer Sekundärprävention das Selbstwertgefühl der Jungen zu stärken, damit sie weder in Gefahr geraten, widerholt in die Opferrolle zu kommen, noch andere erniedrigen zu müssen, um sich selbst stark fühlen zu können.

Um es vorweg zu nehmen: Der bewegungstherapeutische Ansatz ist eine effektive Methode, um sich diesem Ziel anzunähern, ohne explizit die traumatischen Erfahrungen zu thematisieren, wie durch den anschließenden Film eindrucksvoll dargestellt wurde.

Zunächst stellte Gerd Hölter ein Konzept der posttraumatischen Anpassung vor, das sich an ein von M. Horowitz, einem Pionier der Trauma-Forschung, 1974 in den USA entwickeltes Modell anlehnt. Horowitz unterscheidet zwischen normalen und pathologischen Reaktionen auf traumatisch erlebte Situationen, die er jeweils in aufeinander folgenden Phasen gegenüberstellt: dem normalen Aufschrei von Wut, Angst und Trauer stellt er eine Überwältigung durch überflutende Eindrücke gegenüber, der Verleugnungsphase die externe Vermeidung, dem Eindringen von Erinnerungsbildern die ständig aufdrängenden, intrusiven Gedanken, und dem Durcharbeiten, um die Realität des Geschehen anzuerkennen, stehen die verschiedenen psychischen oder körperlichen Symptome gegenüber.

Die 6 bis 12-jährigen Jungen des Projekts, die meist von Erziehungsberatungsstellen an das Ambulatorium überwiesen wurden, zeigten neben der PTBS folgende Symptome als Folgeerscheinungen ihrer Missbrauchserlebnisse: 23% litten unter Störungen des Sozialverhaltens, kombiniert mit emotionalen Störungen, 17% wiesen hyperkinetische Störungen auf, 10% hatten Störungen im Sozialverhalten und weitere 10% Belastungs- und Anpassungsstörungen. In den Hintergrund traten affektive und rein emotionale Störungen - dies im Unterschied zu missbrauchten Mädchen, bei denen die affektiven und Belastungs- und Anpassungsstörungen deutlich ausgeprägter sind.

So erstaunt es nicht, dass auf der Konfliktachse der OPD-Diagnostik als wichtigster Konflikt "Unterwerfung vs. Kontrolle" steht und als zweiter der "Selbstwertkonflikt" während "Abhängigkeit vs. Autonomie" kaum ausgeprägt ist. Auf der Strukturachse sind die "Steuerung der Affekte" und "Selbst- und Objektwahrnehmung" am wenigsten integriert.

Besonders interessant war die Körper- und bewegungsbezogene Diagnostik, die zu Beginn und zum Abschluss des Projekts bei jedem Jungen vorgenommen und miteinander verglichen wurde. In fünf Kategorien wurde gewertet 1. situationsangemessenes Bewegungsverhalten, 2. achtsamer Umgang mit dem eigenen Körper, 3. angemessener körperlicher Umgang mit Anderen, 4. angemessenes Beziehungsverhalten und 5. angemessener Gefühlsausdruck. Die positiven Veränderungen konnte man in einem Verlaufsdiagramm für die einzelnen Patienten verfolgen.

Der Film, den Gerd Hölter anschließend vorführte, zeigte neben den Interviews mit dem Therapeutenpaar, das die psychomotorischen Methoden beschrieb und Szenen erklärte, besonders eindrücklich, wie die Gruppe als Therapetikum wirkt. Die Therapie unterstützt das natürliche Verlangen dieser Jungen nach harmonischer Nähe und Kontakt. genau dieses Bedürfnis wurde missbraucht und war blockiert, in manchen Szenen des Films konnte man die Auflösung dieser Blockade eindrücklich miterleben.

In den Gesichtern der Jungen sieht man ihren Spaß, hört ihr Lachen, spürt ihre Anspannung und Entspannung, die Ruhe und Konzentration. Man sieht ihre Freude, wenn sie durch die Luft wirbeln und wieder auf sicherem Boden landen, wie sie sich beruhigen, beruhigt werden, wie sie ihre rasch auflebende Erregung herunter regulieren. Im Projektzeitraum traf sich die Gruppe zweimal pro Woche über 6 Monate.

Die verbale Kommunikation wird auf das momentane Erleben fokussiert, auf die Gefühle, die das körperliche Geschehen auslösen. Bewegung und körperliche Berührung fördern diese mentale Auseinandersetzung, ohne sie sprachlich zu überfrachten, was die psychische Belastbarkeit der Jungen überfordern würde und die konzentrierte Atmosphäre unterstützt. So entwickeln sich allmählich Achtsamkeit und eine differenzierte Wahrnehmung im Sinne der, in der körperbezogenen Diagnostik, aufgeführten Punkte.

Der Film zeigt eine intensive, berührende Choreografie, die eine vertrauensvolle und sicherheitsgebende Atmosphäre widerspiegelt. Die beiden Leiter, ein Mann und eine Frau, sind recht aktiv, sie zeigen Übungen mit den 4-6 Jungen in einer großen Halle oder ruhige, konzentrierte und stille Bewegungen, bei denen die Jungen behutsam miteinander umgehen. die Leiter beruhigen, wo beruhigt werden muss, klären, wo geklärt werden muss, und sprechen Mut zu, wo die Angst überhand nimmt. Sie erreichen sie dort, wo die Sprache möglicherweise nicht wirkt. Die Jungen lernen Achtsamkeit gegenüber den Körpergrenzen anderer, Toleranz und Geduld zu entwickeln.

Die anschließende, lebhafte Diskussion beschäftigte sich unter anderem mit der Frage des Vergleichs der Wirksamkeit der körperlich-neuronalen Faktoren und der "psychoanalytischen Beimischung", sowie der Bedeutung der Peer-Group gerade in diesem Alter. Interessant in der Diskussion war auch, dass sich eine Polizeibeamtin des Rhein. Bergischen Kreises meldete, die zusammen mit einem Kollegen ein pragmatisches Handbuch zum Umgang mit missbrauchten Jungen verfasst hat.

(Quelle: IPR - Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie im Rheinland e.V. 2010).